Das Warten ist das Schlimmste. Minuten werden zu Stunden, Stunden zu Ewigkeiten. Wir gehen im Büro auf und ab, jeder von uns folgt seinen Gewohnheiten, erledigt Tagesarbeit. Alles läuft zähe und träge ab. Dort eine Unterschrift, da eine kurze Anweisung. Alle so wie immer. Nur diesmal ein tonnenschweres Gewicht im Nacken. Wie lange hat der Verwalter noch mal gesagt wird er brauchen, wie spät ist es überhaupt? Erst 14 Uhr. Es ist noch nicht einmal eine 3/4 Stunde vergangen. Ich weiß plötzlich nicht so recht was ich tun soll. Draußen huschen immer wieder Mitarbeiter vorbei und schauen nur kurz auf, lächeln und gehen ohne weitere Worte ihrer Wege. Verdammt, jeder sieht es, jeder weiß es, jeder ahnt es. Der Schrecken der Insolvenz hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Ich weiß, dass es die Mitarbeiter auch wissen, obwohl wir sehr vorsichtig mit unseren Informationen waren. Mir schießen immer wieder Gedanken durch den Kopf. Hätten wir den Mitarbeiter früher Bescheid sagen sollen? Aber was hätten wir schon sagen können? Wir wussten bis vor einer Stunde selbst nicht einmal, dass es so weit kommen würde. Hingehalten, vertröstet und am Schluss im Regen stehen gelassen. Kein schönes Gefühl. Man fühlt sich nackt, hilflos, wütend.

Der Verwalter ist da.

Der Verwalter ist da. Die Nachricht schreckt mich in meinen Gedanken auf. Gut, jetzt durchatmen und der Dinge harren die da kommen mögen. Ich höre wie sich der Lift mit einem krachen in Bewegung setzt – DDR Wertarbeit aus dem Jahre 1989. Ich stelle mir das Schlimmste vor. „Danke, sie können uns Ihre Schlüssel übergeben und nach Hause gehen – Jetzt übernehmen wir.“ So oder so ähnlich habe ich das mehrmals im Gedanken durchgespielt. Niemand weiß, wie das erste Treffen ausgehen wird. Es ist ein mögliches Szenario. Hilfestellungen dazu sucht man vergebens – auch von anwaltlicher Seite wird niemand wirklich konkret. Warum frage ich mich, ist das bloß so? Wir sind doch nicht die einzigen denen es so geht? Im Gedanken fasse ich einen Beschluss. Wenn die Sache ausgestanden ist, werde ich das Erlebte niederschreiben. Für alle, denen es genauso geht. So viel Angst, Verzweiflung und vor allem Unwissenheit und Ungewissheit sollte eigentlich niemand ausgesetzt sein.

Die Tür des Aufzuges öffnet sich mit einem Geräusch, dass einem über die gefühlt lange Zeit in diesem Büro schon seltsam vertraut vorkommt. Heute wirkt es fehl am Platz und störend. Aus dem Aufzug treten zwei Männer. Einer groß und schmal, einer klein und fest. Der Große stellt sich uns mit den Worten vor: „Guten Tag Rechtsanwalt S., ich bin der vorläufige Insolvenzverwalter“. Er lächelt. Eigentlich nicht unsympatisch, denke ich. Aber es sind die Augen, die ihn verraten. Klein, stechend und eiskalt. Mein Kollege macht mich später darauf aufmerksam, denn mir ist das im ersten Moment gar nicht aufgefallen. Leider sollte er mit seiner menschlichen Einschätzung schmerzhaft Recht behalten, als das Insolvenzverfahren im August dann eröffnet wurde (Lesen Sie später mehr dazu). Trotzdem versucht man zunächst immer das Gute im Menschen zu sehen.

Vorläufiger Insolvenzverwalter

„…vorläufiger Insolvenzverwalter“ wiederhole ich im Gedanken. Wieso eigentlich „vorläufig“? Wir haben doch bereits die Insolvenz angemeldet? Später erfahre ich, dass zunächst geprüft werden muss, ob überhaupt genug Masse vorhanden ist (Anlagevermögen und Kontostände, also zu Geld machbare Dinge), um ein Insolvenzverfahren zu eröffnen. Ist dies nicht der Fall wird das Verfahren „Mangels Masse“ abgewiesen. In der vorläufigen Insolvenz ist der Verwalter noch dein Freund, da er dich, deine Informationen und deine kostenlose Arbeitskraft braucht. Wenn erst einmal das Insolvenzverfahren eröffnet wurde, sieht alles plötzlich ganz anders aus.

Kurzer Smalltalk mit dem Anwalt

Wir gehen in unseren Besprechungsraum. Unsere Telefone klingeln ununterbrochen. Die Presseleute versuchen, uns zu erreichen. Wir schalten auf lautlos. Kurzer Smalltalk mit dem Anwalt, dann liest er ein Schreiben vom Gericht vor. Und stockt. Liest es für sich noch einmal und fragt dann welche Firmenform wir haben. GmbH & Co KG – Das sind eigentlich zwei Firmen. Und für jede Firma, die Weltentor BeteiligungsgmbH und die Weltentor KG, gibt es einen Verwalter. Welch ein Irrsinn! Er ist „nur“ der Verwalter der GmbH. Für die KG gibt es einen eigenen, Rechtsanwalt B. Aber was bedeutet das alles für uns? Nur, dass er eigentlich nichts machen kann, sondern der „richtige“ Verwalter, dann am Montag zu uns kommen wird.

Zurück bleiben tausende Fragen ohne Antworten.

Ein paar schnelle Fragen, dann fahren wir zum Gelände, denn die Mitarbeiter warten auf die große Mitarbeiterversammlung. Am Wochenende ist wieder „normaler“ Parkbetrieb. Zurück bleiben tausende Fragen ohne Antworten.

Update: Foto wurde eingefügt

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Amtsgericht Gera

Amtsgericht Gera

Insolvenzgericht, 12. Juni 2009

13:00 Uhr

Es ist getan! Noch fühlt sich alles wie in einem Albtraum an. Es wirkt unwirklich. Alles läuft verlangsamt ab und man bewegt sich und handelt nur mehr automatisch. „Insolvenz“ – das Unwort, der Schrecken, der uns seit den letzten Wochen verfolgt hat, hat uns eingeholt. Das hat nichts ehrenvolles, nichts heldenhaftes. Es ist einfach nur kalt und nüchtern.

Der Anfang vom Ende….


11:30 Uhr

In einem kahlem Gebäude des Amtsgerichts Gera herrscht noch der unvergleichliche Charme der ehemaligen DDR. Kein freundlicher Empfang, kein „Guten Tag“, gar nichts. Nur ein verstaubter Beamter hinter einer Glasscheibe, der uns auf unsere Frage mit den barschen Worten „Insolvenzgericht? – 2. Stock“ weiter schickt. Dort finden wir nur leere Gänge, weiße Türen und ab und zu ein grauer Schatten, der von einer Tür zur nächsten huscht. Schnell den Blick abwendend, um unseren fragenden Augen zu entgehen. Aber wir müssen doch auffallen? Drei junge Männer in Anzug mit Papieren in der Hand.

„Insolvenzgericht? – 2. Stock“ – Nur barsche Worte

Kundefreundlichkeit? Fehlanzeige. Auf einem Türschild lese ich, dass das Büro dahinter etwas mit „Insolvenz“ zu tun hat. Ich atme tief durch, fasse mir ein Herz und klopfe an. Ich setze mein „Alles ist gut“-Lächeln auf, das ich in den letzten Tagen perfektionieren musste und öffne die Türe.

Große Augen schauen mich hinter einem Schreibtisch an, den ich nur deshalb erkenne, da zwischen hunderten Aktenmappen zwei hölzerne Füßlein hervorstehen. Ich dachte immer solche Büros, die oft in Filmen als typische Beamtenbüros gezeigt werden, sind reine Fantasie. Sofort schießt mir Reinhard Mey’s berühmter Song ins Gedächtnis „Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars …“.

Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars

Ich muss Lächeln, verneige mich innerlich und erkläre mich in kurzen, einfachen Sätzen der Dame die hinter den Aktenbergen sitzt. Sie ist jung und noch gutherzig. Offenbar eine der wenigen Beamten, der der Amtsschimmel noch etwas Menschlichkeit gelassen hat. Vielleicht bemerkt sie auch mein verzweifeltes Flackern in den Augen. Ich bekomme zwei Formulare in die Hand gedrückt und den Hinweis, wo ich diese anschließend abgeben soll.

11:45 Uhr

Da es keine Tische zum Ausfüllen gibt, nehmen wir auf Plastikstühlen am anderen Ende des Ganges Platz.

Glücklicherweise hatten wir im Vorhinein begonnen juristischen Rat einzuholen. Wir hatten die wichtigsten Daten schon in einem anderen Formular vorbereitet. So ein Insolvenzantrag ist eine Herausforderung und ohne Hilfe fast nicht zu meistern.

12:00 Uhr

Ein Insolvenzverwalter am Freitag? Das wird wahrscheinlich schwierig…

Unser Anwalt hat uns noch den Tipp gegeben, sofort um einen vorläufigen Verwalter zu bitten. Es ist Freitag Mittag und der Themenpark Weltentor soll ja am Wochenende geöffnet sein. Die Dame, die unseren Antrag annimmt sagt, „Das wird wahrscheinlich schwierig, da der Richter wohl schon nach Hause gegangen ist.“

13:00 Uhr

Wir warten. Nach einer halben Ewigkeit fliegt plötzlich eine der weißen Türen auf. Ein Mann – um die 40 – kommt heraus und übergibt grußlos einen Zettel an meinen Kollegen. Er verschwindet wieder mit den Worten „Rufen’s den Rechtsanwalt Scholl an – der kommt und nimmt Ihnen die Sache ab!“. Eine Verabschiedung gibt es nicht. Wir schauen uns ungläubig an. Das war’s? So funktioniert also ein Insolvenzantrag?

So funktioniert also ein Insolvenzantrag?

Wir verlassen wie ferngesteuert das Amtsgericht. Keiner findet entsprechende Worte. Vor dem Gebäude empfängt uns es ein schöner und sonniger Tag. Surreal – einfach nur unwirklich. Wir setzen uns ins Auto und beginnen automatisiert die Lage zu analysieren und das weitere Vorgehen abzustimmen. Dann rufen wir den Anwalt an. Ein kurzes, nüchternes Gespräch. Der Anwalt und ein Kollege werden in ca. 1 Stunde in der Firma sein.

13:15 Uhr

Wir machen uns auf nach Ronneburg. Wir wissen nicht was uns erwarten wird. Wir haben uns informiert und wissen, dass der Insolvenzverwalter uns sofort vor die Türe setzen kann, wenn er möchte. Dann ist uns auch der Zugang zu allen Räumlichkeiten verwehrt. Es fühlt sich ein bisschen an wie das Warten auf ein Urteil über Leben und Tod. Ich wünsche niemanden, dass er das einmal durchmachen muss.

Warten wie auf ein Urteil über Leben und Tod…

14:30 Uhr

Der Insolvenzverwalter ist da.

Update: Mehr lesen Sie in Teil 2 – Der Insolvenzverwalter“ (hier klicken)

Songtext Reinhard Mey – Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars: hier (bitte klicken)