
Amtsgericht Gera
Insolvenzgericht, 12. Juni 2009
13:00 Uhr
Es ist getan! Noch fühlt sich alles wie in einem Albtraum an. Es wirkt unwirklich. Alles läuft verlangsamt ab und man bewegt sich und handelt nur mehr automatisch. “Insolvenz” – das Unwort, der Schrecken, der uns seit den letzten Wochen verfolgt hat, hat uns eingeholt. Das hat nichts ehrenvolles, nichts heldenhaftes. Es ist einfach nur kalt und nüchtern.
Der Anfang vom Ende….
11:30 Uhr
In einem kahlem Gebäude des Amtsgerichts Gera herrscht noch der unvergleichliche Charme der ehemaligen DDR. Kein freundlicher Empfang, kein “Guten Tag”, gar nichts. Nur ein verstaubter Beamter hinter einer Glasscheibe, der uns auf unsere Frage mit den barschen Worten “Insolvenzgericht? – 2. Stock” weiter schickt. Dort finden wir nur leere Gänge, weiße Türen und ab und zu ein grauer Schatten, der von einer Tür zur nächsten huscht. Schnell den Blick abwendend, um unseren fragenden Augen zu entgehen. Aber wir müssen doch auffallen? Drei junge Männer in Anzug mit Papieren in der Hand.
“Insolvenzgericht? – 2. Stock” – Nur barsche Worte
Kundefreundlichkeit? Fehlanzeige. Auf einem Türschild lese ich, dass das Büro dahinter etwas mit “Insolvenz” zu tun hat. Ich atme tief durch, fasse mir ein Herz und klopfe an. Ich setze mein “Alles ist gut”-Lächeln auf, das ich in den letzten Tagen perfektionieren musste und öffne die Türe.
Große Augen schauen mich hinter einem Schreibtisch an, den ich nur deshalb erkenne, da zwischen hunderten Aktenmappen zwei hölzerne Füßlein hervorstehen. Ich dachte immer solche Büros, die oft in Filmen als typische Beamtenbüros gezeigt werden, sind reine Fantasie. Sofort schießt mir Reinhard Mey’s berühmter Song ins Gedächtnis “Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars …”.
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars
Ich muss Lächeln, verneige mich innerlich und erkläre mich in kurzen, einfachen Sätzen der Dame die hinter den Aktenbergen sitzt. Sie ist jung und noch gutherzig. Offenbar eine der wenigen Beamten, der der Amtsschimmel noch etwas Menschlichkeit gelassen hat. Vielleicht bemerkt sie auch mein verzweifeltes Flackern in den Augen. Ich bekomme zwei Formulare in die Hand gedrückt und den Hinweis, wo ich diese anschließend abgeben soll.
11:45 Uhr
Da es keine Tische zum Ausfüllen gibt, nehmen wir auf Plastikstühlen am anderen Ende des Ganges Platz.
Glücklicherweise hatten wir im Vorhinein begonnen juristischen Rat einzuholen. Wir hatten die wichtigsten Daten schon in einem anderen Formular vorbereitet. So ein Insolvenzantrag ist eine Herausforderung und ohne Hilfe fast nicht zu meistern.
12:00 Uhr
Ein Insolvenzverwalter am Freitag? Das wird wahrscheinlich schwierig…
Unser Anwalt hat uns noch den Tipp gegeben, sofort um einen vorläufigen Verwalter zu bitten. Es ist Freitag Mittag und der Themenpark Weltentor soll ja am Wochenende geöffnet sein. Die Dame, die unseren Antrag annimmt sagt, “Das wird wahrscheinlich schwierig, da der Richter wohl schon nach Hause gegangen ist.”
13:00 Uhr
Wir warten. Nach einer halben Ewigkeit fliegt plötzlich eine der weißen Türen auf. Ein Mann – um die 40 – kommt heraus und übergibt grußlos einen Zettel an meinen Kollegen. Er verschwindet wieder mit den Worten “Rufen’s den Rechtsanwalt Scholl an – der kommt und nimmt Ihnen die Sache ab!”. Eine Verabschiedung gibt es nicht. Wir schauen uns ungläubig an. Das war’s? So funktioniert also ein Insolvenzantrag?
So funktioniert also ein Insolvenzantrag?
Wir verlassen wie ferngesteuert das Amtsgericht. Keiner findet entsprechende Worte. Vor dem Gebäude empfängt uns es ein schöner und sonniger Tag. Surreal – einfach nur unwirklich. Wir setzen uns ins Auto und beginnen automatisiert die Lage zu analysieren und das weitere Vorgehen abzustimmen. Dann rufen wir den Anwalt an. Ein kurzes, nüchternes Gespräch. Der Anwalt und ein Kollege werden in ca. 1 Stunde in der Firma sein.
13:15 Uhr
Wir machen uns auf nach Ronneburg. Wir wissen nicht was uns erwarten wird. Wir haben uns informiert und wissen, dass der Insolvenzverwalter uns sofort vor die Türe setzen kann, wenn er möchte. Dann ist uns auch der Zugang zu allen Räumlichkeiten verwehrt. Es fühlt sich ein bisschen an wie das Warten auf ein Urteil über Leben und Tod. Ich wünsche niemanden, dass er das einmal durchmachen muss.
Warten wie auf ein Urteil über Leben und Tod…
14:30 Uhr
Der Insolvenzverwalter ist da.
Update: Mehr lesen Sie in „Teil 2 – Der Insolvenzverwalter“ (hier klicken)
Songtext Reinhard Mey – Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars: hier (bitte klicken)
8. Dezember 2009 at 09:45
Ich habe den Artikel gerade erst gelesen und weiß gar nicht was meine Gefühle mir sagen wollen.
Einerseits bin ich sauer auf diese kalte Behandlung, die in so einem Moment keiner gebrauchen kann und erst Recht nicht verdient!
Und andererseits bin ich fast am heulen, weil der Artikel einfach wiederspiegelt was ihr erfahren musstet.
Das es so weit kommen musste, ist wirklich schrecklich! Ich habe natürlich keine Ahnung vom Geschäftführen und auch nicht, was passiert ist, aber ich hatte gehofft das das Weltentor doch noch bestehen könnte.
Hätte ich genug Geld, hätte ich so viel wie möglich für diesen tollen Themenpark gespendet! Aber leider bin ich auch nur ein kleines Licht unter vielen und komme gerade so über die Runden…
Wahrscheinlich hilft es niemanden, dass hier zu lesen, aber dennoch:
Der Themenpark war für mich ein Stück Heimat, dass ich bisher noch nie gefunden habe. Es zu verlieren macht mich Mutlos und Depremiert mich. Und doch danke ich denjenigen, die diese Idee verwirklicht hatten. *tief Verbeug*